Pilzmahlzeit für zwei Wochen

IMPOSANT Viele Riesenboviste hat die Golzowerin Rahmana Dziubany geerntet. Von den Pilzgiganten wurden mehr als ein Dutzend Menschen satt. Was jetzt in den Wäldern wächst, weiß Experte Mario Gohmert.

Von Ellen Werner

Allein das kleinste Exemplar machte 14 Leute satt: Seit fast zwei Wochen steht Riesenbovist auf Rahmana Dziubanys Speiseplan. Auf einer Wiese am Grimnitzsee in Althüttendorf hat die 59-jährige Golzowerin insgesamt fünf der Pilzgiganten gefunden. Der größte, ein Doppelpilz, nahm beim Transport nach Hause den kompletten Beifahrersitz in Beschlag. Das letzte Stück von einem der kleineren großen Champignon-verwandten ist immer noch „ein Riesenteil – so groß wie ein Kühlschrankfach.“ 

 

50 Zentimeter Durchmesser veranschlagt Rahmana Dziubany für den verbliebenen der fünf ergiebigen Speisepilze. Vor dem Verzehr sei sie leider nicht auf die Idee gekommen, ihre Funde zu wiegen und zu vermessen. Allein der „kleine Rest“ im Kühlschrank wiege schon ein knappes Kilo, stellte sie nun fest. Insgesamt muss dieser Pilz mindestens zweieinhalb Kilogramm auf die Waage gebracht haben, schätzt sie.

 

Aus der Ferne ein Fußball

Begonnen hatte ihr Pilzglück am zweiten Septemberwochenende. In ihrem Garten, dem großen früheren Pfarrgarten hinter ihrem Haus, wunderte Rahmana Dziubany sich über einen Fußball am Nachbarzaun. „Aus der Nähe betrachtet war das aber ein Pilz, der sich durch eine Plane am Boden gedrängt hat“, erzählt sie. Außergewöhnlich fand die Betreiberin des Seminarhauses „Ananda“ mit der angegliederten Bildungs-werkstatt Berlin-Brandenburg schon diesen ersten Fund. Die Kraft, mit der der Pilz durch die Plane gewachsen war, beeindruckte sie. „Der Bovist wächst unten nur an einem bleistiftdünnen Zipfel.“ 

Doch noch am selben Tag bekamen Rahmana Dziubany und ihre Seminarteilnehmer ein noch imposanteres Exemplar zu Gesicht. Aus ihrer Mittagspause, verbracht auf einer Wiese am Grimnitzsee in Althüttendorf, sei eine der zwei Köchinnen mit einem „großen Ball“ zurückgekehrt.

 

„Wahnsinnsmenü“ für 14 Leute

In einer Ausbildungsreihe im Haus „Ananda“ lief gerade der Kurs „Hüter der Erde“. „Es ging um indigene Kulturen, ihre Tänze und Lieder, aber auch Naturerfahrungen“, erzählt die Dozentin für Tanz- und Heilpädagogik. „Da hat es natürlich super gepasst, dass wir so einen Pilz finden.“ 

Nicht nur Gelächter und Erstaunen erntete die Köchin mit dem Pilzfund. „Wir haben uns davon ein Wahnsinnsmenü gemacht für 14 Personen“, berichtet die Kursleiterin. In Scheiben geschnitten, paniert und als vegetarisches Schnitzel gebraten war Rahmana Dziubany der Riesenbovist schon bekannt. Die Gruppe googelte zudem ein Rezept für Pilzgulasch. „Beides hat unterschiedlich und ganz köstlich geschmeckt“, sagt sie.

Und damit war die Pilzfund-Serie noch nicht am Ende. „Ich habe mir die Stelle beschreiben lassen und selbst nochmal dort gesucht“, erzählt die Golzowerin weiter. Sie fand auf der Wiese am See fünf weitere Riesenstäublinge, wie die Pilze auch genannt werden, darunter das Doppelexemplar in Kleinkindgröße. Auch im eigenen Garten stieß Rahmana Dziubany auf noch mehr große Boviste –mindestens sieben Stück, einen sogenannten Hexenring. „Ich habe die Pilze jedes Jahr im Garten, aber nicht in diesem Ausmaß“, sagt sie. 

Der Riesenbovist ist essbar – zumindest solange er im Inneren fest und schneeweiß ist, bestätigt der Bernauer Pilzexperte Mario Gohmert. „Sobald er anfängt, gelb zu werden, werden die reifen Sporen freigesetzt.“ Ein Durchmesser von 30 bis 40 Zentimetern sei bei der Pilzart keine Seltenheit. Seiner Größe wegen sei der Pilz auch nicht mit ungenießbaren oder giftigen Arten zu verwechseln.

„Man muss aber bei den kleinen Bovisten vorsichtig sein, dass man nicht an ein Hexenei vom Grünen Knollenblätterpilz gerät“, sagt der Experte. Unerfahrenen Pilzsuchern rät er daher vom Aufsammeln kleiner Exemplare ab. Riesenboviste gelten als Streuzersetzer. „Sie zögen nährstoffreiche Böden, wo es was zu futtern gibt und ein bisschen Feuchtigkeit.“ Zu finden sind sie daher meist auf Wiesen. 

 

Es muss erst wieder regnen

Aber auch in den Wäldern in der Region mussten Pilzsucher trotz vieler trockener Tage zuletzt nicht leer ausgehen. „Vor zwei Wochen hatten wir reichlich Niederschlag“, sagt Gohmert. „Das haben die Pilze ausgenutzt.“ Die drei häufigsten Pilzgruppen zur Zeit: „Alles, was einen Schwamm hat, war da, vor allem Steinpilze, Hexenpilze und Maronen, außerdem Champignons und auch Schirmpilze“, so Gohmert. 

Bei der Jahrestagung der Pilz sachverständigen vom Landesverband Brandenburg in Erkner kamen er und die anderen Pilzprofis nach ihren Waldgängen sogar auf rund 150 Arten. „Die nächsten Tage wird es trotzdem kritisch“, sagt der Bernauer. „Es muss erst wieder regnen.“

 

Tipp: Dünne Scheiben braten

Im Garten von Rahmana Dziubany dagegen fällt derzeit nicht nur das Pilzwachstum außerordentlich aus. „In diesem Jahr habe ich eine unglaubliche Ernte überhaupt in fast allem“, sagt sie. Zwar hingen nur wenige Äpfel an den Bäumen. Sauerkirschen, Nüsse, Quitten, Trauben und Birnen wachsen dagegen rekordverdächtig. „Ich empfinde das als Dankeschön der Erde, dass wir sie mal eine Weile in Ruhe gelassen haben“, sagt die Bewohnerin des einstigen Golzower Pfarrhauses. An die Erde zurück geht dieser Tage der letzte  Bovistrest. Nach fast zwei Wochen im Kühlschrank werde er nun braun und komme auf den Kompost. Rahmana Dziubanys  Empfehlung: Zum Braten sollten die Bovist-Scheiben dünn sein. „Ist in höchstens zwei Minuten durch, riecht wie Wiener Schnitzel und schmeckt auch so.“

 

Mario Gohmert bietet Pilzlehrwanderungen an. Die nächste Tour findet am Sonntag, 10 Uhr, an der Landstraße zwischen Wandlitz und Bernau statt. Die Teilnahmegebühr beträgt 20 Euro, Kinder bis 14 Jahre nehmen kostenfrei teil. Anmeldung und weitere Infos in Internet: unter www.pilze-entdecken.de

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